IHC 3588: Der Knicklenker, den es in Europa nie gab
Es gibt Trecker, die kennt man vom Acker. Es gibt Trecker, die kennt man von Oldtimertreffen. Und dann gibt es Maschinen wie den IHC 3588 – einen Schlepper, den ich in meinem ganzen Leben noch nie in echt gesehen hatte. Bis jetzt. Frisch aus Kanada importiert stand er bei Landtechnik Schulze-Lammers einem im Kreis Borken auf dem Hof, und ich hatte die Gelegenheit, ihn nicht nur anzuschauen, sondern auch mit einer Scheibenegge auf den Acker zu bringen. Zeit für ein Porträt eines der ungewöhnlichsten Traktoren, die International Harvester je gebaut hat.
Ein IHC, der nie für Europa gedacht war
Der 3588 wurde von 1979 bis 1981 in Illinois, USA gebaut – und genau da liegt schon die erste Besonderheit. IHC war zu dieser Zeit zwar längst auch in Deutschland und Europa vertreten, aber mit komplett eigenen Modellreihen: In Neuss am Rhein und im englischen Doncaster liefen damals Schlepper wie der 955, 1255 oder 1455 vom Band. In den USA war International Harvester dagegen ganz anders aufgestellt, weil die Verhältnisse auf den Betrieben schlicht andere waren. Dort gab es parallel die Serie 86 mit Modellen wie dem 986, 1086 und 1486 – Maschinen, die man hier auf dem Acker praktisch nie zu Gesicht bekam.
Und dann war da eben noch die Baureihe, zu der unser 3588 gehört: Das Einstiegsmodell war der 3388, darüber rangierte der 3588, und das Topmodell war der 3788. In den USA lief die Baureihe unter dem Namen „2+2" – wegen des Konzepts aus zwei gleich großen Achsen und der ungewöhnlichen Bauweise bekamen die Schlepper dort auch schnell ihren Spitznamen „Anteater", also Ameisenbär. Warum, versteht man beim ersten Blick auf die Motorhaube sofort.
Das Knickgelenk sitzt an der falschen Stelle – oder doch nicht?

Die eigentliche Sensation an diesem Trecker ist seine Lenkung. Der 3588 ist ein Knicklenker – aber nicht so, wie man Knicklenker eigentlich kennt. Bei klassischen Knicklenkern sitzt das Gelenk hinter der Kabine. Beim 3588 sitzt es zwischen Kabine und Motorhaube. Wenn man am Lenkrad dreht, lenken also nicht die Räder ein, sondern der komplette Vorderbock samt Motorhaube schwenkt zur Seite. Dazu kommen vier gleich große Räder – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in dieser Klasse.
Das Verrückte daran: Konstruktiv ist der 3588 gar kein komplett neuer Trecker. Das Hinterteil ist praktisch identisch mit dem des 1086. IHC hat im Grunde genommen das Heck eines Serie-86-Schleppers genommen, das Knickgelenk davorgesetzt, vorne eine nahezu baugleiche Achse verbaut und einen großen Motor draufgepackt – fertig war der Großtraktor. Eine pragmatische, sehr amerikanische Lösung.
Das Ergebnis ist ein Schlepper, der mit rund 5,80 Metern Länge auf dem Papier gar nicht so riesig ist, durch die extrem lange Motorhaube aber wirkt wie ein Ungetüm. Und gleichzeitig ist er dank des Knickgelenks erstaunlich wendig: Der Wendekreis liegt bei nur etwa 10 Metern. Wenn man am Vorgewende voll einschlägt, kommt man mit der Schnauze in einem Zug wieder an die Spur – das muss man erlebt haben.
Technik: DT-466 mit Turbo und Torque Amplifier
Unter der langen Haube arbeitet ein IHC-Motor vom Typ DT-466B: ein Sechszylinder mit Turbolader und 7,6 Litern Hubraum, der laut Prospekt 112 kW beziehungsweise 153 PS an der Zapfwelle leistete. Kleine Randnotiz für alle, die sich über krumme PS-Zahlen bei US-Maschinen wundern: In Europa rechnet man kW mal 1,36, in den USA mal 1,34 – daher die teils ungeraden Angaben in amerikanischen Prospekten.
Für die Kraftübertragung sorgt das IHC-typische Torque-Amplifier-Getriebe – zu Deutsch: Drehmomentverstärker. Das bedeutet eine Lastschaltstufe (High/Low), mit der man unter Last schalten kann, ohne die Zugkraft zu unterbrechen. Insgesamt stehen 16 Vorwärts- und 8 Rückwärtsgänge zur Verfügung. Auf dem Acker macht das richtig Sinn: Wird der Boden schwerer, zieht man einfach den Hebel und schon ist die Kraft untersetzt. Die Endgeschwindigkeit liegt bei 32 km/h – mehr war damals nicht drin.
Der Dieseltank fasst stolze 340 Liter, die Zapfwelle dreht mit 1.000 Umdrehungen pro Minute.
IHC 3588 - Wo ist das Hubwerk des Traktors?

Und wo ist das Hubwerk? Die Antwort ist typisch Amerika: In den USA wurden Anbaugeräte traditionell in gezogener Ausführung gefahren, Geräte für den Dreipunkt gab es kaum. Deshalb hängt am Heck vor allem der Zugpendel, an den dann Scheibeneggen und Co. angehängt wurden. Ein Hubwerk gab es zwar optional, mit einer Hubkraft von rund 3,8 Tonnen war das aber überschaubar dimensioniert – man brauchte es schlicht nicht.
Ein Detail, das mir besonders gefallen hat: die Steckachsen. Die Achse ragt aus dem Achstrichter heraus, und die Felge lässt sich in einer Nut auf der Achse verschieben. So kann man die Spurweite komplett stufenlos einstellen – vorne wie hinten. Simpel, robust, genial.
Am Steuer: Handgas statt Fußpedal

In der Kabine wird es dann richtig retro. Das Interieur ist typisch International Harvester der 70er Jahre – inklusive der unverwechselbaren Verkleidung. Das große Armaturenbrett zeigt Tankanzeige, Spannung, Öldruck und Kühlwassertemperatur, dazu gibt es Heizung, Radio und sogar eine Umluftfunktion („Air Recirculation").
Was es dagegen nicht gibt: ein Fußgas. Der 3588 wird ausschließlich über Handgas gefahren – in Amerika völlig üblich. Handgas einstellen, Bahn ziehen, fertig. Beim Wenden muss man sich anfangs konzentrieren, weil eben die komplette Front vor einem mitlenkt. Aber nach ein paar Runden gewöhnt man sich daran – und dann macht dieser Trecker einfach nur noch Spaß. Der Arbeitsplatz ist überraschend komfortabel, die Gewichtsverteilung passt, und der Sitz ist hydraulisch gefedert. Vom Sound des großen Auspuffrohrs fange ich gar nicht erst an.
Auf dem Acker hing eine 3-Meter-Scheibenegge hinter dem 3588. Das klingt wenig für einen Schlepper dieser Optik – aber man darf nicht vergessen: Der 3588 sieht nach deutlich mehr aus, als seine rund 150 PS hergeben.
Import aus Kanada – und warum er in Deutschland nicht auf die Straße darf
Das gezeigte Exemplar stammt aus dem Baujahr 1980, hat rund 6.500 Betriebsstunden auf der Uhr und wurde frisch aus Kanada importiert. Man sieht dem Trecker die Reise übrigens an: Die Steckachsen wurden gekürzt – vermutlich abgeflext, damit die Maschine in den Container passte. Ein Detail, das man bei US-Importen häufiger sieht.
Der Händler hat sich auf genau solche Exoten spezialisiert und seit 2012 bereits sechs Schlepper dieser Baureihe importiert und vermittelt.
Warum nicht nach Deutschland? Hier wird es bitter: In Deutschland bekommt man den 3588 schlicht nicht mehr zugelassen. Ein Grund ist ausgerechnet die ikonische Motorhaube – laut Straßenverkehrsordnung darf sie maximal 3,60 Meter vom Fahrersitz entfernt enden, beim 3588 sind es 3,80 Meter. Dazu kommt das EU-weite Thema Abgasnorm. Willkommen in Deutschland. Wer allerdings viele Flächen direkt um den Hof herum hat und Spaß an amerikanischem Alteisen, für den wäre so eine Maschine ein Traum zum Ackern.
Fazit
Insgesamt wurden vom IHC 3588 nur 5.643 Stück gebaut – und die allermeisten davon haben Nordamerika nie verlassen. Umso besonderer ist es, so eine Maschine hier in Deutschland fahren, fotografieren und filmen zu können. Der 3588 ist laut, lang, unkonventionell – und genau deshalb liebe ich diese amerikanische Technik. Die meisten verstehen mich da nicht. Macht nichts.






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